Geschichte und Entwicklung der Zither
Spuren der Vergangenheit von typenverwandten Instrumenten führen zurück bis in das erste Jahrtausend vor Christus in den persisch-türkischen Raum. Ein scheitholtartiges Instrument mit 6 bis 7 Saiten aus dieser Zeit, befindet sich in einer Sammlung des Wiener Naturhistorischen Museums. Sein Weg nach Bayern über den Balkan ist wahrscheinlich.
Nahe Verwandte dieses Instruments finden sich im Verlauf der Geschichte im Bereich elementarer Musik auch in Norwegen (Langleik), Dänemark (Humle), Schweden (Hummel), Holland (Hommel) und Frankreich (Buche).
Bau und Spielart des Scheitholt waren von folgender Art:
Scheitholt keilförmig:
Scheitholt rechteckig:
Auf einem rechteckig-länglichen Resonanzkasten mit Wirbelkopf und diatonischen Bündegriffbrett (Messingbünde) mit einer ungefähren Länge von 40 bis 50 cm, waren zwischen 3 und 7 Messingsaiten aufgespannt. Die äußere der Saiten wurde mit einem Stäbchen niedergedrückt (abgebunden) und diente durch entsprechende Verkürzung der Schwingungslänge der Erzeugung verschieden hoher Töne bei der Melodiebildung. Der Anschlag mit Daumennagel oder Fischbein wurde über alle Saiten tremolierend ausgeführt, wodurch zu jedem Melodieton - je nach Saitenzahl - zwei- bis sechsfach der Grundton, bei Varianten der Stimmung auch dessen Quinte zum Erklingen gebracht wurde.
Wo auch immer und in welchen Varianten dieses Instrument erfunden oder nachgebaut wurde, eine wesentliche Veränderung in seiner Bau- und Spielart hat es bis heute nirgendwo außer im alpenländischen Raum erfahren.
Ein klanglich und spieltechnisch dem Scheitholt verwandtes Instrument mit Griffbrett und Leersaiten aus der Psalter-Familie ist im 14. und 15. Jahrhundert in mehreren europäischen Ländern in Gebrauch. Dieses Instrument erfuhr in Rußland eine Weiterbildung zur Gusli, und über die Gusli in Finnland zur Kantele.
Schwerpunkte der Verbreitung des Scheitholts im Mittelalter, waren das bayerisch-böhmische, sowie das bayerisch-österreichische Alpenland. Sein volkhaft einfacher Gebrauch, hat in der wenig löblichen Bezeichnung von Michael Praetorius als "Lumpeninstrument" eine unmißverständliche Bestätigung erhalten.
Als Übergangsform zur Zither unserer Tage, existiert ein historisches Exemplar einer sog. Kratzzither aus dem Jahr 1763, hergestellt von Christian Wazzlberger. Die Besaitung dieses Instruments weicht erstmals deutlich von der des Scheitholtes ab.
Aussehen und Besaitung der Kratzzither:
Kratzzither kistenförmig:
Kratzzither rechteckig:
Die Besaitung besteht aus 3 Griffsaiten (je dreichörig) und 12 freischwingende Saiten. Der Umfang der diatonisch angeordneten Bünde erstreckt sich über zwei Oktaven. Die Stimmung und Spielweise der freischwingenden Saiten, wie die Art der Begleitung auf diesen, ist nicht belegt. Sie darf als weitgehend der Person des Spielers überlassen gelten.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vollzog sich mit dem Typ der Kratzzither eine Annäherung zurück zum Scheitholt, indem die freischwingenden Saiten wieder verringert wurden. Diese Entwicklung führte in verschiedenen Gegenden, entsprechend dem jeweiligen Dialekt, zu folgenden Wortbildungen und -kombinationen:
Raffele (in Nordtirol)
Der Begriff kommt von raffeln; schnell hin- und herbewegen beim Anschlag mit Fischbein oder Hornblatt.
Scherrzither (im Allgäu)
Dies leitet sich von scherren oder scharren ab.
Zwecklzither (in Vorarlberg)
Mit dem Begriff Zweckl ist eine Art Splitter gemeint; ein keilförmig zugespitztes, flaches Holzstück.
Berglaute (im Berner Oberland)
Hier ist recht allgemein ein Saiteninstrument (Laute) der Bergbewohner gemeint.
Die Spielart und Besaitung dieser Instrumente des Kratz-Zither-Typs, entsprach in etwa der des Scheitholtes. Die Saiten wurden tremolierend oder staccato (wie bei der Mandoline) mit einem Fischbein, Stäbchen oder Plättchen aus Horn oder Holz angeschlagen. Von den 3 bis 6 Stahlsaiten (auch Messing) über dem Griffbrett, wurden 2 bis 3 Saiten für das Melodiespiel verwendet, die verbleibenden als Bordunsaiten mit angerissen, bzw. beim Staccato-Anschlag (Einzelanschlag der Saiten) weggelassen.
Was als nur andeutende Neuerung der kratzzither von Christian Wazzlberger in Erscheinung trat, fand ab Ende des 18. Jahrhunderts durch Mittenwalder Geigen- und Gitarrenbauer und im Salzburger Land durch Holzhandwerker und Bauern (später auch durch berufsmäßige Instrumentenbauer) eine Weiterentwicklung, die in wenigen Jahren zu einer neuen Spielart (Anschlagsart) der Griff- und Freisaiten führte.
Der Anschlag der Griffsaiten wurde jetzt mit dem Daumen der rechten Hand, d. h. mit einem am Daumen festsitzenden Drahtring mit Anschlagsdorn ausgeführt. Der Anschlag der Freisaiten erfolgt (für Baßtöne der Tonika und Dominante und deren Akkorde, meist unvollständig) mit dem Ring-, Mittel- und Zeigefinger.
Die Schlagzither
Dieser neue und bis heute bestehende Zithertyp wurde in seinen Grundzügen etwa um die Jahrhundertwende geschaffen. Zwei unterschiedliche Arten wurden geschaffen; diese waren in der spieltechnischen Anlage zwar gleich, aber in der äußeren Form wichen sie voneinander ab:
Mittenwalder Zither
Sie hatten eine Achterform nach dem Vorbild der Geigen- oder Birnenform.
SaIzburger Zither
Dies war eine einbauchige Form als originale zithertypische Form (Vorbild für die Zither unserer Zeit ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts).
Griffbrett für beide Modelle:
zwischen 13 und 17 diatonisch angeordnete Bünde. Besaitung: a' - d' - g oder a' - a' - d' - g einfach oder zweichörig
Freiseiten für beide Modelle:
ungeregelt in der Zahl (7 bis 17); keine einheitliche Stimmung
Umfang der Tonarten:
bis zu drei Tonarten (entsprechend der Bundeinteilung wie die Anordnung der Freisaiten).
Versuche der Zitherbauer, die tonartliche Begrenzung auszuweiten, führten zunächst dazu. auf einem Resonanzkörper zwei oder sogar drei Griffbretter anzubringen. Durch verschiedenes Einstimmen der jeweiligen Griff- und Freisaiten, konnten die Spieler (gegenüber sitzend, den Platz wechselnd oder das Instrument versetzend) sofort in einer anderen Tonart weiterspielen. Instrumente dieser Art wurden als Zwillings- oder Drillingszithern bezeichnet.
Die Drillingszither
Die erste künstlerisch herausragende Begabung, war der Niederösterreicher Johann Petzmaver (geboren 1803 in Zistersdorf bei Wien, gestorben 1884 in München). Durch sein ausdrucksvolles Spiel, wie auch durch seine Bedeutung als Persönlichkeit, wurde die Zither ab etwa 1820 in zunehmend größerem Umfang der Öffentlichkeit, und seit seiner Protektion durch Herzog Max von Bayern auch in den Kreisen des Adels, bekannt.
Aus dem Bestreben, die erlernte Grifftechnik auf der Zither mit dem Streicherklang als Ausdrucksbereicherung zu dieser zu verbinden, erwuchs Petzmayer die Idee und Erfindung der Streichzither (1823).
Die Streichzither
Da nun, durch das Wirken Petzmayers, die Zither immer populärer wurde, mußte in absehbarer Zeit eine allgemein gültige Form und Besaitart, und womöglich auch eine Verbesserung für die musikalischen Möglichkeiten gefunden werden.
Die Weigelsche Quart-Quint-Stimmmung
Im Jahr 1838 stellte der Münchner Musiktheoretiker Nikolaus Weigel (geb. 1811 gest. 1878) den Zitherfachleuten seine von ihm neu erdachte Besaitart und Griffbretteinteilung vor.
Er besaitete die Zither in Quart-Quintfolge (c' - g - d' - a - e' - h - fis – cis’ - gis und in Quarten die Subdominanten c' - f' - b - es'), so ergab sich eine geschlossene Reihe von 12 Halbtonschritten von fis bis f' Als Baßmaterial wurde die Anordnung vom 1. Quintenzirkel von „es" ausgehend festgelegt. So ergab sich eine Saitenzahl von 28 Saiten, die später noch erweitert wurde.
Mit den Griffsaiten a' - a' - d' - g und zwei Jahre später noch c über 22 Bünden stand dem Spieler jetzt ein Tonbereich von drei Oktaven zur Verfügung, wobei 2 1/2 Oktaven voll ausspielbar waren. Die Mensur des Griffbretts entsprach etwa 39 cm. Ab 1844 wurde für diese Zither, betreffs der Besaitart und Stimmung, die Bezeichnung „Münchner Stimmung" gebräuchlich.
Für diese bis heute im wesentlichen unveränderte Besaitart der Zither entstand aus der Hand Weigels das erste Unterrichtswerk für unser Instrument (1838).
Zur Übersicht hier einige Daten:
1838 Erstausgabe der Weigelschen Zither
1840 Erweiterung der Griffsaiten mit c
1844 Erweiterung der Freisaiten auf zwei volle Quintenzirkel
1862 Durch den Münchner Zitherbauer Max Amberger wurde die wesentliche Ausformung und Durchgestaltung der Zither (Mensurlänge, Größe des Resonanzraumes wie dessen Spannungs- und Klangkräften entsprechender Innenausstattung mit Klang- und Stützbalken) erreicht.
1870 Ambergers vorbildhafte Konstruktion einer normal mensurierten Konzertzither (Mensur: 43,5 cm) steht am Ende einer etwa 100 Jahre umfassenden Entwicklung.
Die Wiener Stimmung
Zur Zeit Weigels in München, tat sich in Wien ebenfalls ein Zithervirtuose Namens Carl J F Umlauf auf. Dieser wurde zum Begründer der Wiener Schule. Er wurde 1824 in Baden bei Wien geboren und starb 1902 in Wien. Umlauf war ein großer Virtuose, der auf zahlreichen Konzerten großen Beifall erntete.
Der Unterschied zwischen Wiener- und Münchner-Stimmung liegt zum einen im Bereich des Griffbretts. Während die Münchner-Stimmung zwei gleich klingende a'/a' Saiten aufweist, hat die Wiener Stimmung nur eine a', jedoch zwei im Oktavabstand g'/g gestimmte Saiten.
Zum anderen ergeben sich Unterschiede im Freisaitenbereich. Der 1. Quintenzirkel beginnt bei der Wiener Stimmung mit einem as' (gis'). Die 9. und 10. Saite (g und fis) sind um eine Oktave höher als bei der Münchner-Stimmung, während die Bässe Es, F, D und E als Kontrabässe angeordnet sind.
Die Wiener Zither gewann im 19. Jahrhundert dermaßen an Bedeutung, daß eine beträchtliche Anzahl von Lehrern, Komponisten und Virtuosen dieses Instrument in aller Welt berühmt machten.
Der wohl bedeutendste Komponist der letzten Jahrzehnte ist Franz Georg Knotzinger. Er hat fast 100 Kompositionen und Bearbeitungen für Zither und Spielgruppen geschrieben. Knotzinger ist ein verdienstvoll ausgezeichneter Bearbeiter von Barockmusik für Zither. Seine mehr in die Klangwelt von Romantik und Impressionismus einzuordnenden Kompositionen zeigen gediegenes Können und die Absicht, die Zither in die Klangwelt des 20. Jahrhunderts zu führen.
Die Wiener Stimmung ist heute noch in Wien und den angrenzenden osteuropäischen Ländern (Böhmen, Slowenien) verbreitet. Ihr Klang ist spezifisch wienerisch, brilliant, etwas aufreizend.
Viele Kompositionen, die für eine Wiener Zither geschrieben wurden, können nur auf einer solchen so gespielt werden, daß einem warm ums Herz wird. Würde man sie auf Münchner umsetzen wird der Klang eher trocken. Dieser Vergleich gilt umgekehrt natürlich genau so.
Auszug aus Didaktischer Seminararbeit "Die Zither - Geschichte, Entwicklung, Lehrwerke" Katharina Vogl, Rampersdorf